Font Size
15px

Lilith verstand ihn.

Sie hatte Valcrest schon imr verstanden – nicht nur die Art, wie er sich bewegte oder wie er dachte, sondern wie er unter all dem fühlte.

Diese stille Präzision, diese Schärfe, geboren aus der Verweigerung der Rache, lange genug, bis sie zu etwas Kälterem, etwas Bedachterem verhärtet war.

Er war nie ein Mann gewesen, der sich mit der Bestrafung beeilte. Nicht, wenn das Feuer in seinem Inneren zu Fokus abgekühlt war. Und genau das beunruhigte sie am isten.

Sie öffnete den privaten Kanal – etwas Uraltes, älter als jede bekannte Technologie oder jedes Zaubersystem, älter als die isten Gesichter, die jetzt über diese Welt herrschten.

Die halbmondförmige Rune an ihrem Handgelenk leuchtete auf, glühte mit einem sanften Schimr, während sich die Luft im Raum lautlos faltete.

Eine einzelne Gestalt erschien, tief kniend mit einem Umhang, der Schatten hinter sich herzog, den Kopf mit absoluter Disziplin gesenkt.

"Hochkommandant der Halbmond-Legion ldet sich."

Lilith erhob nicht ihre Stim. Das musste sie nie. Ihr Ton brauchte keine Schärfe, um zu schneiden – er trug Gewicht allein durch seine Existenz.

"Steht zurück," sagte sie, jede Silbe landete mit der Endgültigkeit eines uralten Dekrets. "Verfolgt das Mädchen nicht. Lasst sie."

Der Kommandant zögerte, aber nicht aus Zweifel, nicht aus Trotz. Es war Instinkt – das Zucken eines Kriegers, wenn die Klinge noch nass war und der Geruch von Blut noch nicht kalt.

Aber Lilith starrte nicht, gestikulierte nicht. Sie schaute nur.

Und das war genug.

"Ja, ine Königin."

"Lass den Jungen seine Antwort bekomn," fügte sie hinzu, jetzt leiser, als hätte sich das Gewicht hinter ihren Worten vom Befehl zu etwas verschoben, das einer müden Entschlossenheit näher kam. "Das Siegel war genug."

Die Gestalt verschwand nicht mit einem Schwung. Sie war einfach nicht hr da.

Lilith bewegte sich nicht sofort. Sie ließ sich auf den Sitz hinter ihrem Schreibtisch nieder – nicht um zu ruhen, nicht um zu atn oder ihren Geist zu klären, sondern um sich zu verankern.

Sie arbeitete bereits die Auswirkungen durch. Das Gewicht dessen, was Valcrest getan hatte. Die Türen, die nun anfangen würden, in Reichen zu knarren, die die isten nicht zu benennen wagten.

Sie griff nach unten, öffnete eine verborgene Schublade auf der linken Seite ihres Schreibtisches und zog ein Hauptbuch heraus, das fast unbeeindruckend aussah, wenn man nicht wusste, worauf man starrte.

Es war nicht in Leder gebunden, sondern in einer blassen, glatten Haut – grau, körnungslos, fast kalt bei Berührung.

Nicht von irgendeinem Tier, das jetzt lebte, sondern von Wesen, die in diese Welt gekrochen waren, lange bevor nschen die Sonne benannten oder die Sterne kartierten.

Kreaturen vom Rand des ersten Zusamnbruchs, als das Gefüge von Mythos und Realität zum ersten Mal verschwamm.

Sie legte das Hauptbuch auf den Schreibtisch und sprach leise, der Klang hr Gedanke als Sprache:

"Die Trauerwendung."

Das Buch zuckte unter ihrer Hand, wie etwas Schlafendes, das gerade in seinem Traum beim Nan gerufen wurde.

Es öffnete sich, ohne dass sie es wieder berührte – nicht am Anfang, nicht auf einer markierten Seite, sondern an der Stelle, die es ihr zeigen wollte.

Ein Diagramm.

Kein Gesicht. Kein Na. Kein Mund.

Nur Augen – Kreise über Kreisen gezeichnet, auf eine Weise, die der nschlichen Symtrie nicht gehorchte, alle eingebettet in eine skelettartige Form, die teils geschmolzener Stein, teils Knochen, teils etwas war, das man am Grund eines toten eres finden würde.

Es gab keine Kennzeichnungen. Kein göttliches Siegel. Keine theologische Aufzeichnung. Nur ein Gefühl.

Und das war es, was ihr sagte, dass es real war.

Denn Götter, die katalogisiert werden konnten, konnten auch kontrolliert werden.

Aber das hier? Dieser hatte nie um Anbetung gebeten. Er hatte sich nicht einmal angekündigt.

Er war einfach durchgeschlüpft.

Und das machte ihn gefährlich.

Lilith zitterte nicht. Sie blinzelte nicht und zuckte nicht zusamn. Aber sie fuhr mit dem Finger über einen der Kreise – sanft, nicht um zu verbinden, sondern um sich zu erinnern.

"Dieser wurde nicht beschworen," murlte sie, mit leiser Stim. "Er hat seinen eigenen Weg hinein gefunden."

Sie zog einen weiteren Splitter aus der Schublade. Kleiner, aber mit Silber umrandet, das mit dem Alter stumpf geworden war. Es war kein Kommunikator.

Es war ein Schlüssel, verbunden mit Eiden, die so alt waren, dass sie der aktuellen magischen Epoche vorausgingen. Jeder Kontakt auf dem Splitter war noch durch drei Schichten der Gunst und eine Schuld an sie gebunden, die niemand zu begleichen gewagt hatte.

Sie aktivierte alle drei.

Einen in der Äther-Bibliothek.

Einen in den tieferen Kamrn der Dämonenhöfe.

Einen unter den schwebenden Ruinen der Wiege.

Sie wartete nicht auf Bestätigung. Wenn sie noch lebten, würden sie antworten. Wenn nicht... würde sie es wissen.

Das Hauptbuch schloss sich von selbst, zufrieden, dass es geliefert hatte, was es wollte.

Sie lehnte sich für einen Mont zurück und starrte nicht auf die Wand, sondern nach innen.

Und zum ersten Mal seit Jahren sagte sie etwas, das sie nicht einmal in der Einsamkeit gesagt hatte.

"Wenn dies wirklich ein Vor-Riss-Gott ist..."

Ihre Worte verloren sich. Ihre Augen schlossen sich für einen Mont.

"...dann war Ethan nie die Gefahr."

Sie wartete. Ließ den Raum atn.

Dann flüsterte sie, kaum laut genug für ihre eigenen Ohren:

"Der letzte Incubus war nicht das Ende."

Es gab keinen anhaltenden Wind. Keine besondere Kälte in der Luft.

Aber der Raum fühlte sich jetzt anders an.

Der Splitter auf ihrem Schreibtisch flackerte. Der mit der Äther-Bibliothek verbundene hatte geantwortet. Keine Stim kam durch, nur ein tiefer harmonischer Ton – etwas, das man eher an der Basis der Zähne spürte, als dass man es hörte.

Das Diagramm im Hauptbuch verschob sich wieder, obwohl es sich bereits geschlossen hatte.

Und an seiner Stelle brannte etwas Neues in die Oberfläche – Worte, die nicht geschrieben, nicht gesprochen wurden.

Ein Datum.

Kein normales.

Nicht einmal ein aufgezeichnetes.

Es war eine zeitliche Markierung aus einer Zeit vor dem Reset.

Zyklus 0.

Ein Knoten in der Zeit. Ein Echo aus der ersten Schleife.

Unter dem Datum ätzen sich sechs winzige Glyphen ins Blickfeld.

Keine Worte. Symbole.

Krieg.

Verfall.

Stille.

Urteil.

Fusion.

Und das sechste –

Null.

Lilith starrte am längsten auf das letzte.

Ein Zeichen nicht des Todes, sondern der Ablehnung. Von etwas, das nicht zur Existenz gehörte. Nicht, weil es ausgestoßen wurde, sondern weil es nie existieren sollte.

Sie schloss den Splitter. Stand auf.

Sie bewegte sich nicht mit Dringlichkeit. Sie bewegte sich mit Präzision.

Denn jetzt wusste sie.

You are reading Incubus Leben in einer Welt von Superkraft-Nutzern Chapter 304: Die Trauerwendung on novel69. Use the chapter navigation above or below to continue reading the latest translated chapters.
Share with your friends
Library saves books to your account. Reading History saves recent chapters in this browser.
Continuous reading

You may also like

The Villain's Story cover
Similar genre

The Villain's Story

Blazuku ·Fantasy

ThreeSoulslayinonebody,Onesoulbelongingtoamanwhohadreachedthepeak,thestrongestthereeverwas,theonewhohadthetalenttodoso.Yethesufferedbecauseofhistal...

Elven Invasion cover
Trending now

Elven Invasion

Respro ·Action

MagicvsScience HumanvsElves EarthvsForestia MortalvsGod ThisisataleinwhichGoddessLunainordertosaveherplanetandcivilizationstartsainvasiononEarth,Wi...

No reviews yet. Be the first reader to leave one.
Please create an account or sign in to post a comment.